Seit Mitte März 2026 steht die digitalisierte NSDAP-Mitgliederkartei über den Katalog der US-amerikanischen National Archives (NARA) frei im Internet zur Verfügung. Für alle, die in der Familien- und Lokalgeschichtsforschung unterwegs sind, ist das ein Ereignis von erheblicher Tragweite – und zugleich ein Anlass, genauer hinzuschauen: Was genau wurde da eigentlich veröffentlicht? Wie recherchiert man darin sinnvoll? Und wo liegen die Grenzen dieser Quelle?
Was wurde veröffentlicht?
Die NARA hat unter der Serienbezeichnung Records Relating to Membership in the Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), 1945–1994 insgesamt 5.442 Dateieinheiten (File Units) mit zusammen über 16,2 Millionen digitalen Objekten online gestellt. Dabei handelt es sich um digitalisierte Mikrofilme, die ihrerseits auf den Karteikarten des ehemaligen Berlin Document Center (BDC) basieren. Es sind also keine Scans der Originalkarten, sondern Reproduktionen der Mikroverfilmung, die ab 1991 in US-amerikanischer Verwaltung entstanden ist.
Die Sammlung umfasst zwei zentrale Karteien:
- die Zentralkartei (bei NARA als A3340-MFKL geführt): das alphabetische Mitgliederregister, das von der Parteizentrale in München geführt wurde; ca. 4,3 bis 4,4 Millionen Karten.
- die Gau- bzw. Ortsgruppenkartei (bei NARA als A3340-MFOK geführt): ursprünglich nach Gauen und Ortsgruppen gegliedert, nach Kriegsende von den Amerikanern ebenfalls alphabetisch umsortiert; ca. 6,6 Millionen Karten.
Ergänzt werden diese durch über 200.000 Fragebögen von Berliner NSDAP-Mitgliedern sowie Material zu angeschlossenen Organisationen wie dem Nationalsozialistischen Lehrerbund und der Reichsärztekammer.
Was steht auf den Karteikarten?
Die Karten enthalten in der Regel folgende Angaben: Vor- und Nachname, Geburtsdatum und Geburtsort, Beruf, Wohnadresse, NSDAP-Mitgliedsnummer, Datum des Aufnahmeantrags und des Eintritts in die Partei, Zugehörigkeit zu Ortsgruppe und Gau. Gelegentlich finden sich auch Passfotos, Vermerke über Austritte, Ausschlüsse, Adresswechsel oder die Erstellung der Mitgliedskarte. Manchmal begegnen einem auch Stempel und handschriftliche Notizen, deren Bedeutung sich nicht immer sofort erschließt – die Forschungscommunity arbeitet derzeit an der Entschlüsselung gängiger Abkürzungen und Kürzel.
Wie recherchiert man?
Der Einstieg erfolgt über den NARA-Katalog. Die Suchmaske erlaubt die Eingabe von Namen, Orten und Geburtsdaten. Einige Hinweise, die ich aus eigener Erfahrung und aus den Berichten anderer Recherchierender zusammengetragen habe:
Suchformat: Am besten funktioniert die Suche mit dem Format „Nachname, Vorname“ in Anführungszeichen, also z. B. "Maier, Sepp". Ergänzende Angaben wie ein Geburtsdatum im Format „01.02.16″ (für den 1. Februar 1916) können die Treffer einschränken. Manchmal ist das Datum aber auch als „1.2.16″ erfasst – es lohnt sich, beides zu probieren.
Suchergebnis ≠ Karteikarte: Die Suche führt nicht direkt zu einer einzelnen Karteikarte, sondern zu einer digitalisierten Mikrofilmrolle (als PDF oder Bildsequenz), die dann manuell durchgeblättert werden muss. Das kann bedeuten, dass man sich durch mehrere hundert oder sogar über 3.000 Einzelbilder arbeiten muss.
Sortierung nicht immer streng alphabetisch: Die Karten sind zwar grundsätzlich alphabetisch geordnet (bei Namensgleichheit nach Geburtsdatum), aber Abweichungen kommen vor. Manchmal ist die Sortierung innerhalb einer Filmrolle sogar umgekehrt. Der Anfangsbuchstabe des Dateinamens muss nicht zwingend mit dem Anfangsbuchstaben der enthaltenen Namen übereinstimmen.
Texterkennung (OCR) ist fehlerbehaftet: Die automatische Texterkennung, die der Verschlagwortung zugrunde liegt, liest die Namen auf den oft handschriftlichen Karten nicht immer korrekt. Ein negativer Suchbefund bedeutet daher nicht, dass keine Karte vorhanden ist – man sollte in den wahrscheinlichen Abschnitten manuell blättern.
Downloads sind möglich: Einzelne Seiten lassen sich herunterladen, ebenso ganze Mikrofilmrollen. Für lokale Rechercheprojekte kann es sinnvoll sein, eine komplette Rolle herunterzuladen und offline durchzuarbeiten.
Eine hilfreiche Ergänzung: Auf dem Blog Welt der Vorfahren wurde inzwischen eine Web-App veröffentlicht, die auf einer kollaborativ erstellten Tabelle der Namensbereiche einzelner Filmrollen basiert und bei der Suche nach der richtigen Rolle hilft. Auch ein ausführlicher Reddit-Thread bietet wertvolle Praxistipps.
Warum kamen die Digitalisate aus den USA – und nicht aus Deutschland?
Die Frage, die in den letzten Wochen am häufigsten gestellt wurde: Warum gibt es das Angebot aus Washington und nicht aus Berlin? Die Antwort liegt in der Überlieferungsgeschichte und im deutschen Datenschutzrecht.
Die Originalkarten gelangten nach Kriegsende in das Berlin Document Center unter amerikanischer Verwaltung. Dort dienten sie u. a. der Entnazifizierung und den Nürnberger Prozessen. Ab 1991 wurden sie mikroverfilmt; die Originale gingen 1994 an das Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde, eine Mikrofilmkopie verblieb bei den Amerikanern. Das Bundesarchiv hat die Originale inzwischen in Farbe und hoher Auflösung digitalisiert – diese Version ist qualitativ besser als die NARA-Mikrofilme.
Allerdings unterliegt die deutsche Version den Schutzfristen des Bundesarchivgesetzes: 100 Jahre nach der Geburt oder zehn Jahre nach dem Tod einer Person. Da einzelne ehemalige Parteimitglieder noch leben, ist eine freie Onlinestellung in Deutschland derzeit nicht möglich. Das Bundesarchiv hat angekündigt, die Kartei insgesamt online stellen zu wollen, sobald die Fristen in den kommenden Jahren auslaufen.
In den USA gelten keine deutschen Datenschutzfristen, weshalb die NARA die Mikrofilmkopien jetzt uneingeschränkt zugänglich machen konnte.
Wichtig: Die Recherche beim Bundesarchiv bleibt weiterhin möglich und ist in mancher Hinsicht sogar vorzuziehen. Die Auskunft zu Einzelpersonen erfolgt auf formlosen Antrag und ist kostenfrei. Die Scans sind farbig und hochauflösend. Für wissenschaftliche und amtliche Zwecke kann die Datenbank vor Ort in Berlin-Lichterfelde genutzt werden.
Was die Kartei verrät – und was nicht
So wertvoll die Onlinestellung für die Forschung ist, so wichtig ist ein nüchterner Blick auf die Aussagekraft der Quelle.
Was die Karteikarte zeigt: Name, biographische Grunddaten, Mitgliedsnummer, Eintritts- und ggf. Austrittsdatum. Damit lässt sich eine Parteimitgliedschaft belegen und zeitlich einordnen. Der Zeitpunkt des Beitritts ist historisch aufschlussreich: Wer vor 1933 eintrat, gehörte zu den überzeugten Frühanhängern. Der massenhafte Beitritt nach der Machtübernahme im Frühjahr 1933 führte zu einem Aufnahmestopp zwischen Mai 1933 und 1937. Wer danach beitrat, tat dies unter veränderten Vorzeichen – aus Überzeugung, Opportunismus, beruflichem Druck oder im Rahmen der HJ-Übernahmen ab 1944.
Was die Karteikarte nicht zeigt: Die Karte sagt nichts über das konkrete Verhalten einer Person, über ihre Rolle in der Wehrmacht, SA oder SS, über Schuld oder Widerstand. Eine NSDAP-Mitgliedschaft ist ein Faktum – seine Einordnung erfordert weitere Quellen und Kontextwissen.
Keine Aufnahme ohne Unterschrift: Ein wichtiges Detail aus der Verwaltungsgeschichte der Partei: Die Aufnahme in die NSDAP setzte einen eigenhändig unterschriebenen Aufnahmeantrag voraus. Anträge ohne Unterschrift wurden vom Reichsschatzmeister zurückgewiesen. Sammelaufnahmen per Liste hat es nach Aussage des ehemaligen Leiters des Mitgliedschaftsamtes nicht gegeben. Allerdings ist auch belegt, dass es in der Praxis vereinzelt zu Urkundenfälschungen kam. Für die Jahrgänge 1926 und 1927 wurde das Aufnahmealter 1944 von 18 auf 17 Jahre herabgesetzt; für den Jahrgang 1928 war eine Aufnahme formal nicht mehr vorgesehen.
Unvollständige Überlieferung: Bestenfalls 80 bis 90 Prozent der Mitgliedschaften lassen sich über die Kartei nachweisen. Rund 20 Prozent der Karten sind verloren. Auch die separat überlieferten Aufnahmeanträge haben den Krieg nur bruchstückhaft überdauert – von den rund 8,5 Millionen Mitgliedschaften bei Kriegsende sind nur ca. 600.000 Aufnahmescheine erhalten. Wer in der Kartei nicht auftaucht, war also nicht unbedingt kein Mitglied.
Wie die Kartei überhaupt überlebt hat
Es gehört zu den bemerkenswerten Geschichten der unmittelbaren Nachkriegszeit, dass die Kartei nicht vernichtet wurde. Die Karteien lagerten im Braunen Haus am Münchner Königsplatz und sollten bei Kriegsende eingestampft werden. 68 Tonnen Karteikarten wurden in die Papierfabrik Josef Wirth in München-Freimann gebracht. Geschäftsführer Hanns Huber erkannte die Brisanz des Materials und verzögerte die Vernichtung – bis die US-Truppen die Karten sicherstellten. Michel Thomas vom Counter Intelligence Corps der 45. US-Infanteriedivision, der zuvor an der Befreiung von Dachau teilgenommen hatte, entdeckte die Karten am 20. Mai 1945.
Was ich für die Praxis empfehle
Für alle, die selbst recherchieren möchten, hier einige Empfehlungen aus meiner Arbeit als Auftragsrechercheur und Historiker:
Nutzen Sie einen großen Bildschirm. Am Smartphone ist die Arbeit mit den Mikrofilmdigitalisaten kaum sinnvoll möglich. Ideal ist ein Laptop oder Desktop-Monitor.
Planen Sie Zeit ein. Eine Recherche kann schnell gehen, wenn der Name selten ist. Bei häufigen Namen wie Müller, Schmidt oder Maier müssen Sie unter Umständen hunderte Bilder durchblättern.
Kombinieren Sie die Quellen. Wenn Sie über NARA fündig geworden sind, können Sie beim Bundesarchiv einen Antrag auf die farbige, hochauflösende Version der Karte stellen. Die NARA-Mikrofilme sind in Schwarzweiß und teils schwer lesbar.
Erwarten Sie nicht zu viel – aber auch nicht zu wenig. Die Karteikarte allein erzählt keine Lebensgeschichte. Aber sie ist ein dokumentarischer Ankerpunkt, der zusammen mit anderen Quellen – Entnazifizierungsakten, Spruchkammerprotokollen, Personalakten, Kirchenbüchern – ein differenzierteres Bild ermöglicht.
Gehen Sie verantwortungsvoll mit den Ergebnissen um. Gerade in der Lokalgeschichtsforschung können Funde auch heute noch sensibel sein. Nicht jede Mitgliedschaft bedeutet dasselbe, und nicht jeder Nachkomme möchte damit öffentlich konfrontiert werden.
Weiterführende Anlaufstellen
- NARA-Katalog (Suchmaske): catalog.archives.gov/id/12044361
- Bundesarchiv (Auskunft und Benutzung): bundesarchiv.de
- Bundesarchiv (Informationen zum Aufnahmeverfahren): bundesarchiv.de
- Recherche-Leitfaden (Welt der Vorfahren): welt-der-vorfahren.de
- Reddit-Suchanleitung: reddit.com/r/de
- Wehrmacht-Recherche beim Bundesarchiv: Antragsformular über die Website des Bundesarchivs
